1 Jahr HIV-Diagnose: Ich lebe!

In Allgemein by nicnackeLeave a Comment

Ich sehe die Szene noch ganz genau vor meinen Augen: Ich war auf der Arbeit. Ich ging gerade dahin wo ich mit Kollegen arbeiten solle als ich einen Anruf bekam. Es war der Arzt, der mich schon vorher untersucht hatte, und teilte mir mit das die vorherigen Tests bestätigt wurden. Ich bin HIV-positiv.

 

Das ist heute genau ein Jahr her. Was hat sich seitdem getan? Was hat sich verändert?

Das wichtigste: Ich lebe und bin gesund! Und bin glücklicher als vorher. Das hat aber nichts mit der Infektion zu tun.

 

Aufgrund der Krankheit hat sich nichts geändert. Nur das ich halt täglich meine Tabletten nehmen muss. Und alle paar Monate zum Arzt. Ich lebe ganz normal. Gehe ganz normal Arbeiten und Einkaufen. Erledige die alltäglichen Dinge ganz normal. Aber sonst hat sich seit Anfang des Jahres viel verändert: Ich habe eine neue Arbeit. Ich habe mich nach 12 Jahren von meinem Partner getrennt und hatte das Glück kurz darauf einen neuen Partner kennen zu lernen und wir uns ineinander verlieben. Dann mein Umzug, aufgrund der Trennung, und die Renovierung der alten Wohnung, was ich beides ohne meinen neuen Freund emotional und logistisch nicht geschafft hätte. Das Verhältnis zu meinem Bruder hat sich, wohl auch wegen der Infektion, wieder stark verbessert.

 

Auf Anraten von mehreren Personen – u.a. von meinem behandelnden Arzt – weiß nur ein ganz kleiner Kreis das ich HIV-positiv bin. Der Filialleiter meiner Niederlassung (Ich arbeite für einen Personaldienstleister der über Werksverträge auch eigene Aufträge erledigt) weiß das ich Schwul bin. Aber die Kollegen mit denen ich zusammen arbeite wissen nicht einmal das. Warum auch. Sie denken wahrscheinlich das ich Hetero bin und ich lasse sie in dem glauben. Es wird kaum darüber gesprochen und meine Sexualität ist meine Sache. Aber das ich HIV-positiv bin weis hier keiner. Weder die Mitarbeiter in der Filiale noch die Kollegen mit denen ich zusammenarbeite. Ich überlege schon manchmal, wie sie reagieren würden, wenn ich ihnen erzähle das ich HIV+ bin. Aber genauso überlege ich auch wie sie reagieren würden, wenn ich erzähle das ich Schwul bin.  Auch wenn ich so in der Stadt unterwegs bin, z.B. mit dem Bus oder der Straßenbahn, schaue ich mir manchmal die Leute an und denke darüber nach wie sie auf HIV-positive reagieren würde.

 

In den letzten zwölf Jahren haben mein Ex-Partner und ich in der Öffentlichkeit nicht gezeigt das wir schwul sind. Bei mir vor allem aus Angst vor homophoben Übergriffen. Mein neuer Freund geht damit viel offener um. Bei ihm musste ich lernen, mit ihm Händchenhaltend durch die Straßen und durch stark besuchten Einkaufszentren zu gehen. Er ist Selbstständig und hat einen eigenen Supermarkt. Seine (festen) Mitarbeiter wissen mittlerweile alle das ich sein Partner bin. Aber am Anfang war es für mich komisch so offen damit umzugehen und sich wie ein „normales“ (Hetero-)Paar vor den Mitarbeitern zu unterhalten. Das mein Partner auch HIV+ ist, wissen aber auch seine Angestellten nicht.

 

Man sieht also das sich in Bezug auf die Krankheit nur sehr sehr wenig geändert hat. Auch im alltäglichen Leben sprechen wir (mein Freund und ich oder mit seiner/meiner Familie) nicht darüber. Nur z.B. Fragen wir den anderen immer mal wieder ob er seine Tabletten genommen hat. Oder, wie um Juni, das man halt zum Arzt muss. Aber ansonsten sind wir ein ganz normales Paar.

 

Manchmal habe ich schon das Bedürfnis es rauszuschreien. Wie in der Form das ich es auf meinem Facebook öffentlich Post; also meinem „richtigen“. Wer aufmerksam den Blog gelesen hat weiß, dass der Name nur ein Pseudonym ist, weil ich mich damit schützen will. Im Moment sehe ich, gerade beruflich, nur Nachteile darin das es alle wissen. Und schließlich wurde mir auch von mehreren Seiten unabhängig davon abgeraten es allen zu erzählen. Und ich finde es schon bezeichnend das der eigene HIV-behandelnde Arzt davon abrät, weil das Thema HIV heute immer noch sehr Negativ belastet ist. In vielen Köpfen ist es noch als „Schwulen“ Krankheit drin. Auch vor den ganzen Unwahrheiten, wie z.B. das man sich durch Händeschütteln anstecken kann, schwirren noch viel herum. Leider wird hier viel zu wenig Aufklärung von Seiten der Medien betrieben. Ich hatte schon vom ersten Moment, wo ich wusste das ich HIV+ bin, den Wunsch gehabt das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Doch leider ist es zum jetzigen Zeitpunkt einfach für mich nicht möglich. Nur das ich halt unter Pseudonym hier auf meinem Blog ein wenig darüber Schreibe, wie normal das Leben mit HIV doch ist.

Ich möchte an dieser Stelle dann auch noch auf den ZDF-Film „Corinnes Geheimnis(Unter dem Link auf der ZDF Seite die Langfassung ansehen) verweisen. Mit dem Untertitel „Niemand darf es wissen“. Der geht um ein Mädchen, dass seit der Geburt HIV+ ist. Die Mutter war infiziert und so hat sich das Mädchen angesteckt. Eine Reporterin hatte die heute junge Frau 10 Jahre lang begleitet. Bis zum Abitur musste sie ihre Infektion gegenüber Mitschülern und Freunden verheimlichen, weil man Angst hatte das dann die Eltern der Mitschüler verlangen würden, dass sie die Schule verlassen muss. Um den 90-Minütigen Film zu sehen muss man ganz rechts den Button ‚Langfassung‘ anklicken.

In der Beschreibung zu dem Film steht das nicht die Infektion das Problem von Corinne ist, sondern die Angst vor der Reaktion der Gesellschaft bei einem Outing. Und genauso ist das bei mir. Wie reagieren die Personen in meiner Umgebung darauf? Wie reagiert mein Arbeitgeber? Eigentlich kann/darf er mich wegen der Infektion nicht kündigen, aber wenn er es doch macht, habe ich erst einmal das Problem wogegen ich ankämpfen muss. Und ich muss auch noch an meinen Freund denken. Denn für ihn kann es das Ende seiner Selbstständigkeit bedeuten, wenn wir beide in Verbindung gebracht werden.

 

Hintergrund des Beitragsbildes: by Andrea Damm  / pixelio.de