Jetzt weis es meine Mutter

In Allgemein by nicnackeLeave a Comment

Am Gründonnerstag war es soweit. Ein lang geplanter und vorbereiteter Tag.

 

Schon im Januar hatte ich überlegt an Ostern nach Düsseldorf zu fahren und es dann meiner Mutter zu erzählen. Das war noch bevor ich mich von meinem damaligen Partner getrennt hatte.

Ich hatte meinen Bruder gefragt ob er dann Zeit hätte und er sagte er müsse es erst auf der Arbeit klären – weil ich schon Gründonnerstag bei meiner Mutter ankommen wollte. Ich hatte schnell für den Donnerstag frei bekommen. Mein Bruder konnte mir erst Anfang März zusagen. Kurz vorher stand es nämlich auf der Kippe, weil er eventuell beruflich nach Kanada müsse, was er dann aber doch nicht musste.

Unter einem Vorwand besorgte sich mein Bruder die Telefonnummer der besten Freundin meiner Mutter um abzuklären ob sie an Ostern in der Nähe sei, falls meine Mutter jemand zum Reden brauchte.

Blieb noch der Mann meiner Mutter (= mein Stiefvater). Mein Bruder und ich wollten es meiner Mutter alleine sagen und wir mussten ihn irgendwie aus der Wohnung bekommen. Weil mein Bruder meinte wir sollten nicht mit meiner Mutter weggehen, sondern in der Wohnung bleiben, in vertrauter Umgebung. Schließlich erzählte mir meine Mutter beim sonntäglichen skypen das ihr Mann die Woche vor Ostern bei Aachen bei seiner Mutter (= meiner Stiefoma) sein wird und sie ihn Donnerstag oder Freitag abholen wird. Mir kam dann die Idee das sie ihn einfach Freitag abholen soll. Also fragte ich sie eine Woche danach ob Sie ihn nicht erst Freitag abholen kann, weil ich den Donnerstagabend mit ihr alleine sein will. Für ihn war es in Ordnung.

Als ich meinem Vater von meinen Plänen erzählte bot er an auch zur Verfügung zu stehen. Er wäre zwar über Ostern nicht da, aber er könne mit dem Auto innerhalb weniger Stunden da sein. Und er bot mir an in seinem Haus zu schlafen, weil mein Bruder meinte es wäre nicht gut bei meiner Mutter in der Wohnung zu schlafen. Weil wir ja auch überhaupt nicht wusste wie sie reagiert. Sowohl mein Bruder, als auch mein Vater und ich gingen davon aus das sie sehr emotional reagiert.

 

Und schließlich kam der Gründonnerstag an dem ich morgens in Berlin in den ICE stieg und nach Düsseldorf fuhr. Meine Mutter, die direkt am Hauptbahnhof in Düsseldorf arbeitet, holte mich ab. Beziehungsweise habe den Zug so gewählt das ich ankomme wenn sie Feierabend hat. Wir fuhren zu ihr nach Hause. Aßen die von mir gewünschte Suppe und gingen dann auch noch mal zu Fuß zu einem in der Nähe gelegenen Blumengeschäft deren Inhaberin wir schon lange kennen. Ich bin in der Nachbarschaft groß geworden. Auf dem Rückweg schrieb mir mein Bruder das er im Hotel angekommen sei und er in etwa einer halben Stunde da sei. In der Wohnung meiner Mutter hatte ich was an ihrem PC gemacht. Ich hatte natürlich auf die Zeit geschaut und als es dann klingelte sprang ich sofort auf um vor meiner Mutter an der Tür zu sein. Ich drückte sofort den Summer für die Haustür ohne zu fragen wer da sei. Meine Mutter fragte verwundert ob ich wisse wer da kommt. Das bejahte ich. Mein Bruder kam im dunkeln die Treppe hoch. Meine Mutter erkannte ihn erst als er in der Tür stand. Natürlich war sie sehr überrascht, freute sich und umarmte meinen Bruder. Ein wenig später saßen wir alle am Tisch und meine Mutter fragte „Erzähl“, aber zu meinem Bruder. Er verwies nur auf mich und ich sagte sofort „Ich bin HIV+“

„Scheiße“ kam von meiner Mutter. Was genau dann noch weiß ich nicht mehr. Aber sie umarmte mich. Wir unterhielten uns sehr lange. Und mein Bruder und ich waren sehr überrascht wie „gelassen“ meine Mutter reagierte. Sie war nicht so emotional wie wir dachten. Und auch das sie direkt Bescheid wusste das man heutzutage gut mit der Krankheit leben kann wusste sie. Das erklärte sie damit das sie regelmäßig „Unter uns“ guckt und dort vor einiger Zeit eine weibliche Figur war die sich durchs Fremdgehen mit HIV infiziert hatte und in der Serie das mit dem Virus erklärt wurde.

 

Immer wieder betonte meine Mutter, das ich und mein Bruder bei ihr sind, sie mehr freut als die Tatsache das ich HIV habe. Und das, auch wenn es durch den Virus kommen mag, mein Bruder und ich uns wieder so gut verstehen und uns in der Sache jetzt gegen Sie „verschworen“ haben, sie mehr berührt als meine Krankheit.

 

 

 

Blieb noch der Mann meiner Mutter.

Als meine Mutter, mein Bruder und ich noch zusammen saßen rief mein Stiefvater an. Da machte meine Mutter den Fehler und sagte das auch mein Bruder da sei. Mein Bruder hat einen Pflegesohn den mein Stiefvater sehr mag. Und er dachte natürlich sofort es sei irgendwas schlimmer mit dem Pflegesohn. Meine Mutter konnte aber dann nicht mehr sagen als das er morgen noch was erfahren würde und er sich so lange gedulden muss.

Am Karfreitag Morgen Frühstückten mein Bruder, meine Mutter und ich. Anschließend fuhren meine Mutter und ich nach Aachen um meinen Stiefvater abzuholen. Als wir wieder bei meiner Mutter waren schrieb ich meinem Bruder per WhatsApp das wir wieder da seien. Er kam dann auch etwas später und wir setzten uns an den Tisch. Ich sage das ich was meiner Mutter erzählen musste, das ich erstmal nur ihr erzählen wollte und es nichts gegen ich sei. Dann sagte ich die Worte „Ich bin HIV+!“

Eine gefühlte halbe Minute war stille in der keiner etwas sagte und mein Stiefvater und ich uns ansahen. Was genau dann weiter geschah kann ich mich nicht mehr in Einzelheiten erinnern. Aber wir haben uns wieder in der Runde unterhalten und ich habe Fragen meines Stiefvaters beantworten. Aber alles war ganz entspannt. Irgendwann fing dann meine Mutter an Mittagessen zu machen.

 

Jetzt ist der letzte ganz wichtige große Schritt vollbracht. Und es ist alles viel besser gelaufen als ich gedacht habe. Mir war zwar klar das meine Mutter mich nicht verstoßen würde, aber das sie jetzt so gelassen reagiert hat selbst meinen Bruder verwundert.